Den Menschen zu erkennen, wie er wirklich ist, das war schon immer das große Thema der Denker und Dichter, und obwohl er das unberechenbarste aller Lebewesen ist, haben auch die Wissenschaftler- Psychologen, Anthropologen und Soziologen- immer wieder versucht, allgemeingültige Gesetze seines Verhaltens zu finden. Eine amerikanische Forschergruppe- Soziologen und Psychologen- legt jetzt die Resultate ihrer fünfjährigen Arbeit vor und wirft damit mehr Licht auf das geheimnisvolle Wesen Mensch. Hier einige Beispiele:
Charakterfestigkeit ist selten. Nur wenige bleiben ihre Überzeugung treu, wenn die große Mehrheit anderer Meinung ist, sogar wenn diese Meinung offensichtlich unsinnig ist. Fast jeder revidiert sein Urteil über einen Film oder Politiker, wenn er hört, dass Prominente einen anderen Standpunkt vertreten. Sogar unter Studenten ist jeder Dritte bereit, das, was er mit eigenen Augen gesehen hat, der Mehrheit zuliebe zu verleugnen. Am standhaftesten sind diejenigen, die unter Gleichgesinnten leben. So werden Streiks am häufigsten von solchen Arbeitern durchgesetzt, die abseits der großen Städte leben, etwa Holzfällern oder Bergleuten.

Für den beruflichen Erfolg sind Intelligenz, Pflichtgefühl oder eine spezielle Begabung nicht so ausschlaggebend wie Passion und Ausdauer. Wer seine Arbeit nicht liebt, kann nichts Außerordentliches leisten, auch wenn er sich noch so sehr anstrengt. Tests zeigen, dass fast alle Personen in führender Stellung von ihrer Arbeit ?besessen“ sind. Fast alle, denen kein Aufstieg glückte, bezeichnen ihre Arbeit als uninteressant oder stumpfsinnig. In der Industrie ist Langeweile häufiger als alle anderen Faktoren zusammen der Grund für Fernbleiben von der Arbeit.
Was man früh im Leben gelernt hat, sitzt am festesten und ändert sich am schwersten. Und je später man eine Erfahrung macht, desto leichter vergisst man sie wieder. So kann man auch mit Informationen und Aufklärungsfeldzügen gegen vorgefasste Meinungen wenig ausrichten. Ferner spielt beim Lernen eine Rolle: Wenn man alle zehn Minuten nach konzentrierter Paukerei eine kurze Pause macht, lernt man intensiver, als wenn man eine ganze Stunde hindurch paukt.
Intelligenz kann auch durch beste Ausbildung nicht wesentlich gefördert werden, sondern ist erblich bedingt. Sie pflegt vom Erst- bis zum Letztgeborenen nicht nachzulassen, sondern zu steigen. Im Übrigen wandelt sich gegenwärtig, was man bisher unter ?Intelligenz“ verstand: Die Überbewertung der Logik und abstrakten Intelligenz ist vorbei, die praktische Intelligenz, die die Welt der Maschinen und Finanzen beherrscht, die soziale Intelligenz, die sich vor allem den menschlichen Problemen widmet, und die schöpferische Intelligenz des künstlerischen Menschen gewinnen immer mehr an Bedeutung.
Der Schlaf vor Mitternacht ist nicht so wichtig und keineswegs ?der beste“. Vermutlich stammt diese Redensart daher, dass die meisten früh aufstehen müssen und deswegen, wenn sie erst nach Mitternacht ins Bett gehen, zu kurz kommen. Auch stimmt es nicht, dass der Mensch acht Stunden Schlaf braucht. Sechs können bei dem einen ebenso normal sein wie neun beim anderen. Wenig Schlaf ist nicht so schlimm. Aber die Angstvorstellung, zu wenig zu schlafen, ist schlimm.
Für eine glückliche Ehe ist die beste Voraussetzung, wenn beide Partner einer möglichst gleichen sozialen und kulturellen Umwelt entstammen. Insofern stimmt das Wort ?Gleich und Gleich gesellt sich gern“. Aber auch die andere Weisheit ?Gegensätze ziehen sich an“ stimmt. In der Wesensart, im Temperament sind gewisse Gegensätze wichtig. Es gibt nichts Langweiligeres, als zu Hause immer wieder seinen psychologischen Zwilling vorzufinden. Kurz: Eheleute sollten gesellschaftlich gesehen, ähnlich genug sein, um gemeinsame Ziele zu haben, aber zugleich seelisch so verschieden, dass sie einen starken Reiz auf den anderen ausüben.

Die Forscher kommen nach ihrer Bestandsaufnahme des modernen Menschen zu einer recht tristen Bilanz: Es ist nicht mehr der antike Mensch, der den Geist verehrte, der Christenmensch, der an die Erlösung glaubte, oder der Renaissancemensch mit seinem kraftvollen Lebensgefühl, sondern ein ziemlich farbloses Wesen, das glaubt, was seinen Wünschen entspricht, redet, was seinem Chef gefällt, jeden Streit vermeidet und seine Neurosen pflegt. Er wählt dieselbe Partei wie seine Freunde und hält seine Firma für wichtiger als sich selbst. Doch trotz all dieser opportunistischen Eigenschaften hat er ein großes Plus: ?Er versteht es, Katastrophen zu überleben, und freut sich seines Lebens“. Frankfurter Rundschau